Materialien zur Sportpädagogik


Stellungnahme des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen – Berufsverband lehrender Frauen aller Bildungsbereiche aus dem Jahr 1983 zur Koedukation im Sportunterricht

Mitgliederwünschen zufolge hat sich die Vereinsleitung des VkdL – führende Vertreterinnen aus Bundesländern und Abteilungen nach den verschiedenen Schulformen – ausführlich mit der Problematik des koedukativen Sportunterrichts in den Schulen befaßt. Dabei wurden sowohl die geltenden Richtlinien als auch das Ergebnis von Anfragen an Sachverständige verschiedener Fachrichtungen sowie einschlägige Literatur berücksichtigt.

In der Diskussion kamen vorwiegend Erfahrungsberichte aus der Praxis zur Sprache.

Aus dieser Beratungsgrundlage ist die beiliegende Stellungnahme des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen erwachsen, die wir Ihnen anbei zur Kenntnis bringen.

Zum koedukativen Sportunterricht

Die Lehrpläne der meisten Bundesländer sehen für alle Jahrgangsklassen koedukativen Sportunterricht vor. Zur Begründung führt man vor allem an, daß

  • Jungen und Mädchen im Sinne der Chancengleichheit ein Anrecht auf dieselbe Instruktion haben;
  • der koedukative Sportunterricht das Verständnis und die Rücksichtnahme der Geschlechter füreinander entfalte und die geschlechtsspezifischen Vorurteile abbaue;
  • der koedukative Sportunterricht die Unterrichtsorganisation nach innen und außen erleichtere, und getrennter Unterricht gestattet sei, wenn sportfachliche oder pädagogische Gesichtspunkte dies anzeigen.

Der Verein katholischer deutscher Lehrerinnen (VkdL) hält solche Begründungen für ebenso unzureichend wie unzutreffend, da sie von falschen Voraussetzungen ausgehen. Die Verfechter eines undifferenziert-koedukativen Sportunterrichts lassen vielmehr erkennen, daß sie auch den Sportunterricht – bewußt oder unbewußt – vorrangig in den Dienst einer Gesellschaftsveränderung stellen. Dadurch werden die Schüler und ihre persönliche Entfaltung unzulässigerweise zweitrangig eingestuft.

Der Verein katholischer deutscher Lehrerinnen begründet seine Stellungnahme für einen geschlechtsspezifisch-differenzierten Sportunterricht wie folgt:

1.1 Jungen und Mädchen haben auf Grund ihrer Natur ein vom Grundgesetz verbürgtes Recht auf je eigene gleichwertige Förderung. Dies gilt sowohl in geistiger, voluntativer, emotionaler als auch physischer Hinsicht.

1.2 Geschlechtsspezifisch unterschiedliches Verhalten ist in der Wurzel keine andressierte, von der jeweiligen Gesellschaftserwartung bestimmte Rolle, sondern Ausdruck einer seit Lebensbeginn vorhandenen geschlechtsspezifischen Konstitution, die auch im Sportunterricht nicht übergangen werden darf, sondern berücksichtigt werden muß. Dies gilt vor allem vom Zeitpunkt des Beginns der Pubertät an. Auch der Erwachsenensport praktiziert nicht nur im Leistungssport sinnvolle Differenzierungen. Es ist unverständlich, daß der schulische Sportunterricht dies unterlassen soll.

1.3 Der körperliche und geistige Entwicklungsrhythmus von Jungen und Mädchen verläuft nicht parallel phasenkonform. Deshalb zeigen Schüler und Schülerinnen zu verschiedener Zeit abweichende Leistungsmotivation, Belastbarkeit und Leistungsbereitschaft, auf die besonders ein verantwortungsbewußter Sportunterricht um der Schüler willen Rücksicht nehmen muß, ein koedukativer Sportunterricht wäre damit in der Regel überfordert.

2.1 Einübung in Rücksichtnahme und Toleranz ist ein Ziel, dem alle Schulfächer verpflichtet sind. Der Sportunterricht hat jedoch ebenso wie andere Fächer auch fachspezifische Ziele zu verfolgen; dazu gehört nicht zuletzt, den Schülern und Schülerinnen ein rechtes Verhältnis zur je eigenen Körperlichkeit und Leistungsfähigkeit zu vermitteln. Dies ist bei koedukativem Unterricht sehr viel schwerer oder nicht möglich.

2.2 Viele Jungen und Mädchen fühlen sich – vor allem in den Jahren der Vorpubertät und der Pubertät – in Gegenwart des anderen Geschlechts gehemmt, weil sie ihre Schwächen nicht bloßstellen möchten. Jungen und Mädchen haben auch im Sportunterricht ein Anrecht darauf, sich unbelastet bewegen und ihr Selbstwertgefühl voll entfalten zu können. Ein koedukativer Sportunterricht leistet hierzu keine Hilfe.

2.3 Erziehung zu einer geschlechtsspezifischen Hygiene (angemessene Sportkleidung, Körperpflege usw.) läßt sich optimal nur in reinen Mädchen- oder Jungengruppen durch einen Sportlehrer des gleichen Geschlechts vermitteln. Dabei erfordern Takt und humane Erziehung, daß Scham nicht lächerlich gemacht, sondern als Schutz der Intimsphäre gepflegt wird.

2.4 Auch dem Lehrer wird in koedukativ geführten Klassen und Gruppen – vor allem in Oberstufen – der Unterricht in der Praxis unnötig erschwert (z. B. Hilfestellung beim Geräteturnen u.a.).

3.1 Es ist Zeichen einer falschen Wertordnung, wenn die rationellere Stundenplanorganisation den Vorrang vor der optimalen personalen Förderung von Heranwachsenden gewinnen soll.

3.2 Der nach Geschlechtern differenzierte Sportunterricht müßte vom 5. Schuljahr an als Basisunterricht auch aus sportfachlichen Gründen in der Schulorganisation verankert sein. Eine solche Regelung läßt sehr wohl – nach vorheriger getrennter Einübung – in bestimmten Sportarten gemischte Interessengruppen zu, z. B. im Schwimmen; dies gilt aber kaum für die großen Feldspiele.

3.3 Es ist für den einzelnen Sportlehrer unzumutbar, erst in der konkreten Unterrichtssituation mögliche differenzierte Interessen von Jungen und Mädchen zu erkunden und zu berücksichtigen. Wenn die Unterrichtsorganisation nicht von vornherein Differenzierungsmöglichkeiten konkret miteinplant, kommt es in der Praxis häufig zu Notlösungen, die die eine oder andere Gruppe benachteiligen.

Aus den vorgetragenen pädagogischen Überlegungen fordert der Verein katholischer deutscher Lehrerinnen deshalb wenigstens vom 5. Schuljahr an einen nach Geschlechtern differenzierten Sportunterricht – wie er z.B. in den bayerischen Lehrplänen dargestellt ist – und bittet die verantwortlichen Instanzen um Beachtung der vorgetragenen Überlegungen. Darüber hinaus ist es erforderlich, auch in der Lehrerbildung, und vor allem in der Ausbildung der Sportlehrer, diesen Gesichtspunkten Rechnung zu tragen.

 

Essen, Januar 1983 

Für den Verein katholischer
deutscher Lehrerinnen


M. Emmerich
Bundesvorsitzende